Von der Macht der Information zur Ohnmacht der Informiertheit 

 


 

 

 

Die Fülle der Information, die uns tagtäglich in den unaufhaltsamen Strömen rasanter Beschleunigung umkreist, banalisiert sie zugleich, so dass sie ohne schlechtes Gewissen meidbar erscheint. Perlen laufen darin Gefahr, unerkannt demselben Schicksal ausgeliefert zu sein. Die informationelle Flutung hat sich zu einem Instrument gesellschaftlicher Bemächtigung entwickelt, die - in dialektischer Umkehr - ihre Befreiung im säkularen Sakrament mediativer Leere gefunden hat. Deren Attraktivität bietet sich als rettender Schonraum gegen die empfundene oder verdrängte Verlorenheit an, die sich mit allgemeinverbindlicher Zuversicht gegenüber dem vielversprechenden Neuen als implizitem Hoffnungsträger nicht mehr so leicht abtrösten lässt. Aus dem Füllhorn des Wissens ist längst eine Sintflut des Nichtgewussten geworden, dessen paralysierende Bedrohung nach einer Renaissance der Arche fragt.

   

Atemlos giert das von den Fluten des Heute bereits aufgewühlte Morgen schon nach jenem mitreißenden Mehr an Information, auf dessen glühende Verheißungen einer besseren Zukunft es blind vertraut, ohne die im Verborgenen schleichende  Selbstanästhesierung zu bemerken, der es dabei unterliegt. Auf der Suche nach Qualität stochert es im vermeintlichen Paradies wertleerer Quantität faustisch herum, weil es in seiner immer defizitärer empfundenen Informationslage das, was es braucht, nicht hat und das, was es hat, nicht brauchen kann. Es taumelt aus dem Empfinden chronischer Uninformiertheit in die Überflutungen einer informatorischen Hegemonie, von der es mit Wirrnis überzogen wird. Ob die Fragen besser nicht gestellt worden wären,die uns so umtriebig im Pool halbrichtiger und -relevanter Antworten suchen lassen? Dabei schwebt allen doch nur das Richtige und das Gute vor, dessen unerschöpfliche definitiorischen Potentiale immer wieder aufs Neue von den vordergründigen Absichten eines wankelmütigen Zeitgeistes unter Beschlag genommen werden. Die einladenden Alleen dieses Zeitgeistes sind mit dem glattesten Asphalt überzogen.

 

Im ständigen Bemühen, die Information in den Griff zu bekommen, merken wir nicht mehr, wie sie uns im Griff hat. Schon längst ist kaum noch jene lebensweltliche Autonomie zu erkennen, die sich einst in der Authentizität ihrer frei kommunizierten Ziele erfüllte. Im gesellschaftlichen Prozess allgemeinen Verdrängens wird sie deshalb ständig neu beschworen, damit sie wenigstens rhetorisch noch als Ausdruck beruhigender Selbstvergewisserung gegenwärtig ist. Die Rhetorik muss herhalten um zu gewähren, was längst verloren. Und die stete mediale Präsenz bietet dafür den angemessenen Rahmen.

 

Die Strategien informationeller Optimierung sind eine Funktion gesellschaftlicher Forderungen, eingepasst in den flexiblen Bezugsrahmen ihrer Zeit. Ohne dass dem Neuen der Nachweis einer besonderen Qualifizierung zeitüberdauernder Bonität abverlangt würde, tritt es wie selbstverständlich als dominante Instanz der Postmoderne mit richtungweisenden Ansprüchen auf die Bühnen des Alltags. Dort vergewissert es sich im Applaus jener selbstbestätigenden Fremdbestätigung, die jede Begrüßung bereit hält,unabhängig davon, in welchen Abschied sie schließlich mündet, wenn es denn überhaupt je zu einer resümierenden Verabschiedung kommt.

 

Indem die Information sich per se als zentrale Koordinate gesellschaftlicher Handlungsräume inthronisierte und ihr seither der leuchtende Purpur der Totalität umhängt, ist ihre Gültigkeit prinzipiell über jeden Zweifel erhaben. Als meinungsbildende Umgebungsvariable justiert sie im Hintergrund klammheimlich das in sie verschraubte gesellschaftliche Bewusstsein an den Angeboten ihrer Unverbindlichkeiten und Indifferenzen, ohne je einen expliziten Anspruch auf Unterordnung erheben oder durchsetzen zu müssen. Die Gefolgschaft ergibt sich wie von selbst aus der drohenden Abwärtsspirale sozialer Ausgrenzung wie aus einer informations-psychischen Symbiose, der es immer wieder gelingt, auch das Deformierende im Dekor der Zusage einer bedürfnisgerechten Selbstverwirklichung an den Mann zu bringen.

 

Wie einerseits in bedarfsgerechter Selektion die Information zur problemlösenden Ware werden kann, hält sie andererseits am Horizont kosmologischer Theorien mit ihren Heilsversprechen die ganze Gesellschaft in Atem, bis diese sich schließlich bereitwillig in 'Informationsgesellschaft' umtaufen ließ. Ob ihre selektive Lust sie wirklich 'in Form' zu bringen vermag, steht außerhalb berechenbarer Kalkulationen, soweit man sich nicht vom Aspekt ökonomischer oder kurzweiliger Betrachtung den Blick verengen lässt, der die Folgen einer weithin spürbaren kulturellen Haltlosigkeit nicht mehr wahrzunehmen scheint und alle Zweifel daran mit dem schnellen Vorwurf eines nebulösen Kulturpessimismus zurückweist. Die ebenso schonungslose wie wertindifferente Medialisierung der Öffentlichkeit verfehlt dabei ihre Wirkung nicht.

 

Der Pegelstand informationeller Flutung ist mittlerweile belanglos geworden. Man hat sich mit der täglichen Lebensgefahr des Ertrinkens längst arrangiert, indem man sie ignoriert. Die Eingewöhnung in ihre Gefahr verstellt auf Dauer den Blick und evoziert damit ihre größten Chancen. Der Ertrinkende greift immer wieder auf's Neue nach jedem Strohhalm in der Hoffnung, dass es keiner ist, weil seine handlungsleitende Motivationskraft Hoffnung alles bessere Wissen überbietet. Wie gut, dass ihm einst vor der Sintflut eine Verheißung gegeben war und ein angemessener Vorlauf, in dem jenes menschliche Mühen zum Einsatz kam, das der Menschheit im letzten Augenblick das Überleben sicherte - der Schonraum 'Arche' der jetzt wieder gebraucht wird, um den Kopf frei zu bekommen zur Beantwortung der Frage nach dem Wohin.